„Mit Ignoranten sprechen“ von Peter Modler
Die Frage, wie man Populisten Kontra geben kann, treibt mich zur Zeit sowieso um. Wie redet man mit jemandem, der gar nicht auf Argumente eingeht? Dazu habe ich jetzt ein interessantes Buch gelesen: „Mit Ignoranten sprechen“ von Peter Modler, der unter anderem schon Theologe und Arbeitsrichter war und auch Arroganz-Trainings für Frauen anbietet… Kennt sich also jedenfalls mit Kommunikation aus, wie es scheint.
Das Buch ist tatsächlich spannend: Er schreibt nämlich, dass es zwei verschiedene linguistische Systeme gibt, das vertikale, in dem es vor allem um Rang- und Hierarchiefragen geht, und das horizontale, in dem es um Logik und Botschaften der Zugehörigkeit geht. Leute im vertikalen System versuchen also, in Debatten die andere Person mit Argumenten zu überzeugen. Ganz anders im horizontalen System. Hier gibt es drei Ebenen:
- High Talk: Argumente, Sachwissen. Das ist aber die wirkungsloseste Ebene für Leute, die sich im vertikalen System bewegen…
- Basic Talk: kurze, einfache Sätze, persönlich. „Das glaubst du doch selber nicht!“, „Sowas kapiert niemand!“ usw.
- Move Talk: Kommunikation ohne Worte. Im Raum herumlaufen, Gesten, Berührungen, …
Exemplarisch erklärt Modler das an den Präsidentschaftsdebatten zwischen Trump und Hillary Clinton, aber auch z.B. am Konflikt zwischen Angela Merkel und Horst Seehofer.
Wenn nicht eh schon klar ist, wer in welchem System kommuniziert, gibt es noch weitere Anzeichen: Horizontale senden „Hilfskraftbotschaften“ (lest es nach), reden und gehen in Hochgeschwindigkeit und verhalten sich sonst eher unauffällig. Umgekehrt bei den Vertikalen: ihnen geht es zuerst um Rangklärungen, sie reden und bewegen sich langsam und achten darauf, ihr Revier zu sichern (z.B. am Konferenztisch…).
Interessant ist, dass Leute, die in den unterschiedlichen Systemen stecken, einander tatsächlich nicht verstehen. Wenn man sich in einem Meeting minutenlang nur angeschwiegen hat, würden horizontale Kommunizierer das Meeting für gescheitert halten. Vertikale finden es vielleicht gerade interessant, weil dadurch Rangbotschaften ausgetauscht wurden (die andere Seite hat sich durch das Schweigen nicht irritieren lassen… Respekt!). Man muss also lernen, auch im jeweils anderen System zu kommunizieren, um sich überhaupt austauschen zu können, fast wie bei einer Fremdsprache.
„Dort, wo eine Seite sich blind macht für die legitime kommunikative Eigenart der anderen Seite, feiern Ignoranten ihre Hochämter.“
Klingt ziemlich plausibel. Erstaunlich ist, wie wenig bekannt das in der Politik zu sein scheint. Es ist geradezu schmerzhaft zu lesen, wie Modler seitenlang die gescheiterten Versuche von Hillary Clinton schildert, Trump argumentativ zu stellen. Wie würde es aber besser gehen? Steht im Buch:
„Ein Angreifer nach Trump-Manier macht während einer Präsentation eine verletzende Bemerkung? Eine souveräne Reaktion wäre:
- keinesfalls über diese Äußerung hinwegsehen,
- langsam (!) ein paar Schritte auf den Angreifer zugehen, ihn
- mit neutralem Blick fixieren und schließlich
- schlichten Basic Talk machen. Zum Beispiel eine einfache Feststellung wie etwa: ‚Sie sind der Aufsichtsrat. Ich fahre jetzt fort‘, oder etwas ähnlich wenig Geistreiches.“ (S. 77 f.)
Klingt so bizarr, dass es glatt funktionieren könnte.
Modler, P. (2019). Mit Ignoranten sprechen: Wer nur argumentiert, verliert. Campus Verlag.